Mehr Licht!

Zu den Lichtobjekten von JoJo Tillmann

Von Gerhard Charles Rump

Bühne frei für das Licht – oder geht es nicht ohnehin bei aller Bildenden Kunst zumindest auch um Licht? In der Malerei zumal? Wolfgang Schöne hat vor vielen Jahren das Standardwerk „Über das Licht in der Malerei“ geschrieben, und daraus könnte man durchaus einen solchen Schluss ziehen. Nur: Maler müssen Umwege gehen. Farbe ist Materie, die auch als Licht wahrgenommen wird. Aber die eben kein Licht ist, nur solches darstellt. Und Farbe ist keine Eigenschaft von Gegenständen (wie etwa die Form), sondern nur die Reflektion von Licht bestimmter Wellenlängen, abhängig von der Oberflächenbeschaffenheit.

Eine Ausnahme bilden die Glasmaler, die, schon im Mittelalter, Licht als Mittel zur Diaphanie ihrer Kirchenfenster benutzten, nicht ohne theologischen Hintersinn, aber eben auch mit großartiger Wirkung. In den 60er Jahren, nach einem Vorspiel zum Beispiel durch Moholy-Nagy („Licht-Raum Modulator“) in den Zwanzigern, hatte das „indirekte“, das Umweg-Arbeiten mit Licht ein Ende: Künstler arbeiteten direkt mit dem Medium Licht – Julio Le Parc, Heinz Mack, Günther Ücker, Dan Flavin, um nur einige Namen zu nennen. Seither ist „physikalisches“ Licht ein selbstverständliches Kunstmittel, sei es als alleiniges Thema, sei es als ein in eine übergreifende Bildfunktion einbegriffenes Agens, wie etwa bei den von hinten beleuchteten Cibachromen von Jeff Wall.

JoJo Tillmann arbeitet mit Licht in ähnlichen Zusammenhängen. Seine Lichtobjekte sind allerdings nicht wie hinterleuchtete Werbebilder aufgebaut, sondern in verschiedenen Schichten aus C-Prints, Folien und Acrylglas konstruiert, mit Aluminiumrahmen zusammengehalten. Ihre Kastenförmigkeit, der Schritt in die Räumlichkeit, die hier thematisch wird, bringt den Objektcharakter hervor. Dadurch wird im Kunstwerk das dort aktive Licht, das aus einer – in den neueren Arbeiten meist mehrteiligen – Leuchtstoffröhren-Lichtquelle (durchaus mit unterschiedlichen Längen) stammt aus dem allgemeinen Umgebungslicht spezifisch ausgegrenzt. So wird es frei für die „Bildfunktion“ aus den zwei „Räumen“, die sich ineinanderschieben und eine gebrochene Symmetrie bilden, zu arbeiten, gewissermaßen unterschiedliche Zonen zu akzentuieren.

Die Leuchtstoffröhren geben ein dem „kalten“ Tageslicht angenähertes Licht (6500 Grad Kelvin) ab, ähnlich wie im Supermarkt um die Ecke. Das bürgt für Klarheit in der Erscheinung, denn das „warme“ Glühlampenlicht (3200 Grad Kelvin) ist für JoJo Tillmann zu „schmutzig“, zu gelb. Es müsse Leuchtstoffröhren sein, denn bei der angestrebten Kompaktheit und der räumlichen Komprimiertheit des visuellen Angebots und damit auch der Bauweise muss auf die geringstmögliche Wärmebelastung Wert gelegt werden.

So entsteht ein hochdifferenziertes Wahrnehmungsobjekt. Der Betrachter, der sich auf dieses Angebot einlässt, wird in den Licht-Raum eintauchen und ein Defokussierungs-Erlebnis durchmachen, das ihn sich plötzlich selbst innerhalb dieses vorgestellten Raumes befinden lässt. Da es keinen einzelnen Bezugspunkt, keinen absoluten Ruhepunkt gibt, wie etwa in einem zentralperspektivischen Bild, kommt er dann zu der Erkenntnis, dass er selbst, oder der „Geist“, dieser Ruhepunkt ist.

Hier verbirgt sich ein Reflex auf die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik, die unser altes, fest gefügtes Weltbild abgelöst hat, ohne dessen Anschaulichkeit erreichen zu können. Und so wird auch der Betrachter der Lichtobjekte von JoJo Tillmann im Erfassen von Richtungen und Raum existenziell verunsichert – eine beständige Quelle der Faszination. Mehr Licht! Möchte man sagen. Bitte – es liegt in der Kunst selbst.